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Altötting begann als Auszug aus Hildegard Hamm-Brücher

Die Verarbeitung der Schäden, im Prinzip oft direkte Folgen des 3. Reiches, das unsere Väter und Mütter zu Grobianen und Duckmäuschen deformiert hatte, wie es mein früherer Straßen-Nachbar Andreas Altmann in seinem Buch „Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend“ beschrieben hat (jetzt auch als Piper-Taschenbuch).

Die sadistischen Lehrer und unser „ehrenwerter Rektor Burger“ waren angesehene Leute in der Kleinstadt, und sie boten uns mit den heimatlichen Gefängnissen der Kindheit genug Abschreckung für’s Leben, und mancher wie der rothaarige Reinhard Pillock brachten sich schon frühzeitig um.

Keiner meines Einschulungs-Jahrgangs 1960 hat ein Klassentreffen organisiert, keiner will sich freiwillig erinnern. Zu schwer liegt die Scham über die erlittene Qual über den schönen Anteilen, die uns der alte Wallfahrtsort geboten hatte.

Altötting blieb über die Jahrzehnte von den konfessionellen Strukturen geprägt, die durch die Gemeinschaftsschulen abgelöste werden sollten, und das hieß auch: Schweigen über den Sadismus von Kaplänen, beichten und beten … oder verschwinden.

Natürlich konnte man auch so weiter machen: Schafkopfen, heimlich dies oder das, aber bloß nichts aufdecken, was da unter den alten Talaren gewesen war, wie die versteckten slowakischen Faschisten-Priester und Judenmörder … Rattenlinien der frommen Antikommunisten bis Argentinien, Chile und Peru, auch als Mission …

"Mein Vater war ja nicht der einzige Mann, der als seelischer Krüppel aus dem Krieg nach Haus gekommen ist."

schrieb Andreas Altmann. Wir hatten es für annähernd normal gehalten, was der bayrische Landtag in den 60er Jahren in Diskussionen auf den damals absurd wirkenden Vorschlag der Abgeordneten Hildegard Hamm-Brücher diskutierte: Die Prügelstrafe in der Schule abzuschaffen. Sie war unser beinah alltägliches Erleben, und auch die alten Fräuleins nutzten den Tatzenstock noch reichlich. Nur war es bei einigen Lehrern und dem Rektor auch klarer Sadismus, und Kaplan Stadlthanner drehte uns die Schläfenhaare, bis wir jaulten, wenn er den Katechismus abfragte.

Das edle Haus Altmann, an dessen Park (und seinem manchmal offenen Tor) ich immer auf dem Weg in die Kirche vorüberging, war immer geheimnisvoll, die Mutter krank, hieß es, aber die SS-Mitgliedschaft war nicht ruchbar geworden, weil die Bürgerschaft an solchen Punkten dicht hielt: Dort hatte es angeblich kaum Nazis gegeben.

„Der Lehrer Johann Korbinian Spahn drischt vor versammelter Klasse auf den nackten Hintern des gerade in Ungnade gefallenen Schülers und zwingt ihn, die Ablassformel zu brüllen: »Ich bitte um Barmherzigkeit!« „

Der Religionslehrer Josef Asenkerschbaumer klärt Kinder über Sünde auf, indem er Bilder einer Frau verteilt, in deren Rücken es von Würmern und Schlangen wimmelte. Hinter Bezahlschranke: http://www.zeit.de/2011/37/Rezension-Interview-Altmann

„Mein Vater war ja nicht der einzige Mann, der als seelischer Krüppel aus dem Krieg nach Haus gekommen ist.“ war auf faz.net/artikel/C30712/andreas-altmanns-neues-buch-scheissgebete- nur gegen Geld … Andreas Altmann: ... und meine eigene Scheissjugend

Das Hauptstaatsarchiv München birgt ein paar Blätter, auf denen jemand zusammengestellt hatte, dass der Butter und Käsehändler, der Fotograf (in jedem Haus ein Hitlerbild!) und durchaus noch etliche angesehene „edle Bürger“ in Altötting in der Nazi-Zeit schuldig geworden waren, aber auch die Klöster deckten auf der Rattenlinie nicht nur geweihte Priester wie den Judenschlächter der Slowakei, Tiso, weil er ja Kleriker war. Am Schweigen ist das Leben in der Stadt erstickt. https://de.wikipedia.org/wiki/Jozef_Tiso

Zu dessen Hinrichtungstag 18. April 1947 gab es (1967?) eine seltsame Ansammlung weniger frommer Männer, die befremdet in den Kirchen und Straßen herumstanden und seines rechten antijüdischen Katholizismus gedachten, der durchaus zur Linie des rechten Hitler-Untertanen Faulhaber passte, auf dem Weg zwischen Altötting und München war den Alliierten damals sein Autoverkehr zum Kardinal aufgefallen.

Die Ehrung der getöteten Retter der Stadt im „Endkampf“ hat darum etwas gedauert, steht aber jetzt immerhin auf den Seiten der Kommune: https://www.altoetting.de/unsere-stadt/stadtgeschichte/opfer-des-28-april-1945/

Schon Kindheitsträume hatten Keller am Kapellplatz

damals nicht ahnend, dass der ehrwürdige Platz einmal eine Tiefgarage beherbergen würde.

Aber die Keller des Bewusstseins liegen eher zwischen den Kirchen und Klöstern, und wieder gibt es eine Verbindung zu dem Buch von unserem früheren Straßen-Nachbarn Andreas Altmann, der eine Episode von einem gekränkten Arzt im Magdalenen-Kloster schildert, die damals schon flüsternd durch die Stadt ging:

Nächtliches sexuelles Treiben mit blutendem Verletzten, der den Arzt brauchte, aber der Orden seinem Stillschweigen nicht vertrauen wollte … Zwischen Gerüchten von unterirdischen Gängen zwischen den Klöstern der Kapuziner und der „Englischen Fräulein“, dem seltsam tiefen Keller unter dem Kongregationssaal, den archäologischen Ausgrabungen in der Stiftskirche … mit Grüften von König Karlmann aus den Zeiten der Kaiserpfalz …

Aus einer zuerst romantischen Kindheit nach oft grober Schulzeit in eine aufbrechende Jugend zu geraten, zwischen zuerst ewiger CSU („die können auch einen Kartoffelsack aufstellen“), die der katholischen Jugend Bier und Brotzeit für's Plakatekleben versprach, und dann einem Gospel-Rock-Musical „Halleluja?“ in der Pfarrkirche: Es war auch dort ein Aufbruch möglich … zwischen Ministrantendienst, Marianischer Congregation und auseinandersetzungs-reichen Jugendmessen, reichlich Bier und ersten Joint-Erfahungen,

Gruppenleiter-Ausbildung und Namibia-Aktion, amnesty international und Fronleichnams-Blütenteppich … und aufklärerischen Missionaren aus Brasilien …

„Ich wollte einen Mönch vergiften“, schreibt Eco später in seiner Nachschrift. https://www.br.de/kultur/der-name-der-rose-hoerspiel-podcast-100.html „Der Titel, eine Anspielung auf Shakespeare. Romeo fragt „Was ist ein Name? Was uns Rose heißt, wie es auch hieße, würde lieblich duften.“

„Der Rosenkranzkönig“ sollte vielleicht noch als Nachschrift erscheinen, „Meerstern, ich dich grüße“, oder „Salve Regina“ wären meine Zeilen in die Geschichte, die bis zu den still gehaltenen Auseinandersetzungen um den CSD 2005 und den späteren Umbau im Pfarrhof reichen …

https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/satan-der-durcheinanderbringer

Vor etwa 28 Jahren ... (heute: 40 Jahre?)

… verabredeten sich ein paar junge Altöttinger für den 1. Juli 2000 am Marienbrunnen. Hintergrund war damals bei den 18-25-jährigen die Frage, was und wo sie wohl bis dahin leben werden. Keiner der drei, die sich bisher daran erinnerten, lebt zur Zeit in der Stadt, aber alle besuchen sie mehr oder weniger regelmäßig, aber ohne sich zu treffen.

Nun könnte es spannend werden, wer sich sonst noch an die Verabredung von etwa 1972 erinnert: Franz, Lenz und Fritz waren damals in der kath. Jugend aktiv, Gruppen- und Pfarrjugendleitung, und erlebten alle Seiten des jungen kirchlichen Aufbruchs damals, noch vor der Würzburger Synode.

Die Michaelikirche war ein Zentrum liturgischer Erneuerung, es gab viele Gottesdienste und Veranstaltungen wie die Namibia-Aktion des BdkJ, die in der Zeitung damals als „Katholische Jugend unterstützt Kommunisten“ ein- geordnet wurden: Gegen Apartheid und für die Forderungen der Swapo zu sein hatte für etliche Beteiligte damals noch bittere Folgen.

Hatten wir uns gerade das Tragen der Jeans als Befreiung von den Bügelfalten- Hosen erkämpft, die Elemente Gitarre, Schlagzeug, eigene Texte, Dias und Tanz in die Jugendgottesdienste geholt, lernten wir auch schnell die Grenzen der jeweiligen Freiheiten kennen: Auch Amnesty International galt noch als den Russen verdächtig nahe.

Was in all den Jahren aus uns geworden ist? Und wer vom Umkreis noch diese Zeitung liest und dazukommen will: 12 Uhr Mittags am Marienbrunnen oder abends im … da bin ich jetzt am Zögern: Graming oder Müllerbräu? Das Hotel Post war damals ja noch Altenheim, dessen Pflegeskandale von einem mutigen Zivi aufgedeckt wurden, Ministrant in St. Magdalena, heute Flüchtlingsanwalt …

Viele Geschichten könnten da daherkommen, nette bis peinliche, überschäumende (wer war das mit dem Spülmittel im Sakramentenbrunnen?) und ganz geruhsame: In dieser alten Stadt der Geschichte werden wir ein paar zu unseren Storys zusammentragen, vielleicht auch im Internet dazu weiterschreiben:

altoetting.txt · Zuletzt geändert: 2022/09/18 23:52 von fritzletsch