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unsichtbares_theater

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unsichtbares_theater [2020/03/31 19:27]
fritz [aktuell dazu:]
unsichtbares_theater [2020/12/01 19:41] (aktuell)
fritz [In der Entstehung]
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 Als [[Unsichtbares Theater]] bezeichnen wir eine gründlich vorbereitete Szene, die einem Publikum vorgestellt wird, das nichts von der Inszenierung weiß, aber auf die erzeugte Wirklichkeit reagieren kann. Als [[Unsichtbares Theater]] bezeichnen wir eine gründlich vorbereitete Szene, die einem Publikum vorgestellt wird, das nichts von der Inszenierung weiß, aber auf die erzeugte Wirklichkeit reagieren kann.
  
-In der Entstehung der politisch eingreifenden Methoden des → [[Theater der Unterdrückten]] (TdU) im oft aussichtslos erscheinenden Kampf gegen die von den US/CIA (vgl. Hitchens) eingerichteten südamerikanischen Militärdiktaturen kamen Theaterleute zwischen Zensur und Einschüchterung oft an ihre Grenzen. In den intensiven Studien der Methoden um Brecht ​ sind  sie  wohl  auch  auf  die  Geschichte ​ der kommunistischen Theatergruppen in der Weimarer Republik gestoßen, die in ihrer Verfolgung schon zu unsichtbaren Methoden politischer Arbeit gegriffen haben.+Das Unsichtbare Theater gehört zur Methoden-Reihe des [[Theater der Unterdrückten]] von [[Augusto Boal]], der sich auf die [[Bewusstseinsbildung]] in der [[Pädagogik der Unterdrückten]] von [[Paulo Freire]] bezog. Heute wird die [[Befreiende Pädagogik]] oder [[Radikale Pädagogik]] vor allem an amerikanischen Hochschulen beider Kontinente zur [[Kritische Theorie|Kritischen Theorie]] gezählt, die alle Machtverhältnisse im Lernen und in der Erziehung mit analysiert. Die Vorbereitung von Szenen dieser Art und ihre Präsentation haben sich daher auch immer an den Wirkungen der [[Aufklärung]] und [[Bewusstseinsbildung]] zu messen, alles andere ist Klamauk, wie er gerne mit "​Vorsicht Kamera"​ im Fernsehen gebracht wurde. 
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 +==== In der Entstehung ​==== 
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 +der politisch eingreifenden Methoden des → [[Theater der Unterdrückten]] (TdU) im oft aussichtslos erscheinenden Kampf gegen die von den US/CIA (vgl. Hitchens) eingerichteten südamerikanischen Militärdiktaturen kamen Theaterleute zwischen Zensur und Einschüchterung oft an ihre Grenzen. In den intensiven Studien der Methoden um Brecht ​ sind  sie  wohl  auch  auf  die  Geschichte ​ der kommunistischen Theatergruppen in der Weimarer Republik gestoßen, die in ihrer Verfolgung schon zu unsichtbaren Methoden politischer Arbeit gegriffen haben.
  
 Vor allem in Situationen der Zensur, die sogar antike griechische Autoren betreffen konnten, wurde vielen damaligen Schauspiel-Ensembles deutlich, dass sie im Theater nur noch sehr begrenzte Botschaften vermitteln konnten, was dann zudem noch dazu führte, dass sich verängstigte Menschen nicht mehr in diese kritischen Arenen wagten. Vor allem in Situationen der Zensur, die sogar antike griechische Autoren betreffen konnten, wurde vielen damaligen Schauspiel-Ensembles deutlich, dass sie im Theater nur noch sehr begrenzte Botschaften vermitteln konnten, was dann zudem noch dazu führte, dass sich verängstigte Menschen nicht mehr in diese kritischen Arenen wagten.
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 „Wenn das Publikum nicht mehr zu uns kommen kann, müssen wir zu ihm gehen“, schlussfolgert Augusto → Boal  (alle  nicht  nachgewiesenen ​ Boal-Zitate ​ sind Äußerungen Boals in Seminaren seit 1981, notiert v. Verf.), der das UT als ein wichtiges Glied in der Entwicklung der Methodenreihe des TdU sieht, zu denen nach → Statuentheater und → Forumtheater nun zuletzt auch das → [[Legislatives Theater|Legislative Theater]] gehören. „Wenn das Publikum nicht mehr zu uns kommen kann, müssen wir zu ihm gehen“, schlussfolgert Augusto → Boal  (alle  nicht  nachgewiesenen ​ Boal-Zitate ​ sind Äußerungen Boals in Seminaren seit 1981, notiert v. Verf.), der das UT als ein wichtiges Glied in der Entwicklung der Methodenreihe des TdU sieht, zu denen nach → Statuentheater und → Forumtheater nun zuletzt auch das → [[Legislatives Theater|Legislative Theater]] gehören.
  
-In den heutigen Anwendungssituationen,​ in denen Unterdrückungsmechanismen meist sehr viel verdeckter ablaufen, brauchen wir auch tiefgehende Vorbereitungsschritte,​ um den wirklichen Themen, Tabus, Mythen und Mechanismen auf die Spur zu  kommen.+==== In den heutigen Anwendungssituationen, ​==== 
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 +in denen Unterdrückungsmechanismen meist sehr viel verdeckter ablaufen, brauchen wir auch tiefgehende Vorbereitungsschritte,​ um den wirklichen Themen, Tabus, Mythen und Mechanismen auf die Spur zu  kommen.
  
 Wie die meisten Szenen-Entwicklungen im Methodenkanon des TdU beginnt die Arbeit immer mit dem Entwurf aus den generativen Themen der Teilnehmenden,​ die an einem eigenen Anliegen aus einem Beispiel tatsächlich erlebter Unterdrückung/​Druck ansetzen soll, da konstruierte und theoretisch nachgespielte Situationen meist nicht genügend Kraft und Treffsicherheit bekommen. Wie die meisten Szenen-Entwicklungen im Methodenkanon des TdU beginnt die Arbeit immer mit dem Entwurf aus den generativen Themen der Teilnehmenden,​ die an einem eigenen Anliegen aus einem Beispiel tatsächlich erlebter Unterdrückung/​Druck ansetzen soll, da konstruierte und theoretisch nachgespielte Situationen meist nicht genügend Kraft und Treffsicherheit bekommen.
  
-Der thp Einstieg kann leicht mit Boals [[Statuentheater]] gestaltet werden, mit solchen Proben-Techniken wird zu Forum-Szenen gekommen, um (interne) Varianten der Veränderung zu entwickeln und im Thema Sicherheit zu gewinnen. Für eine unsichtbare Inszenierung wird dann eine Situation vorbereitet,​ die Aufsehen oder Reaktionen erregt, aber auch die Rollen von Passanten, die beobachten oder eingreifen, nötigenfalls Provokationen einbringen, werden geübt. ​+==== Der theaterpädagogische ​Einstieg ​==== 
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 +kann leicht mit Boals [[Statuentheater]] gestaltet werden, mit solchen Proben-Techniken wird zu Forum-Szenen gekommen, um (interne) Varianten der Veränderung zu entwickeln und im Thema Sicherheit zu gewinnen. Für eine unsichtbare Inszenierung wird dann eine Situation vorbereitet,​ die Aufsehen oder Reaktionen erregt, aber auch die Rollen von Passanten, die beobachten oder eingreifen, nötigenfalls Provokationen einbringen, werden geübt. ​
  
 Einer Aufführung muss eine Ortsbesichtigung vorausgehen,​ am besten zu einer der Aufführung/,​Inszenierung‘ entsprechenden Zeit, um die Verhaltensweisen des  Publikums ​ zu  beobachten. Eventualitäten ​ der ,​schlimmsten Art‘ sind zu entwerfen, wie z. B. auf Interventionen von Polizei und Selbstverteidigern zu reagieren ist, um die Situation für alle Beteiligten gesichert aufzulösen,​ bis zum Rückweg zum Auswertungstreffen,​ in dem nicht nur die verschiedenen Erlebnisse und der allgemeine Erfolg ausgetauscht werden sollten, sondern auch ein kritischer Vergleich mit einer offenen Forum-Szene angebracht ist. Einer Aufführung muss eine Ortsbesichtigung vorausgehen,​ am besten zu einer der Aufführung/,​Inszenierung‘ entsprechenden Zeit, um die Verhaltensweisen des  Publikums ​ zu  beobachten. Eventualitäten ​ der ,​schlimmsten Art‘ sind zu entwerfen, wie z. B. auf Interventionen von Polizei und Selbstverteidigern zu reagieren ist, um die Situation für alle Beteiligten gesichert aufzulösen,​ bis zum Rückweg zum Auswertungstreffen,​ in dem nicht nur die verschiedenen Erlebnisse und der allgemeine Erfolg ausgetauscht werden sollten, sondern auch ein kritischer Vergleich mit einer offenen Forum-Szene angebracht ist.
  
-Das Ziel einer Inszenierung eines UT wird oft nicht klar umrissen, ist aber für fundierte Arbeit wichtig: Soll es nur → Spaß machen, was bei vielen die Nähe oder Assoziation mit ,Vorsicht Kamera‘ (,Leute verarschen‘),​ auslöst, soll anderen damit eine Lehre erteilt werden oder geht es um einen Impuls zur Entwicklung von Eigenkraft/​Autonomie? ​+==== Das Ziel einer Inszenierung eines Unichtbaren Theater ==== 
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 +wird oft nicht klar umrissen, ist aber für fundierte Arbeit wichtig: Soll es nur → Spaß machen, was bei vielen die Nähe oder Assoziation mit ,Vorsicht Kamera‘ (,Leute verarschen‘),​ auslöst, soll anderen damit eine Lehre erteilt werden oder geht es um einen Impuls zur Entwicklung von Eigenkraft/​Autonomie? ​
  
 Geht es darum, eigene Grenzen zu erproben, tatsächlich die Tiefe eines Themas, der Tabus und der möglichen Veränderung auszuloten oder soll ein Gegner bloßgestellt werden, statt ihn als Ansprechpartner in den → Dialog zu holen? Geht es darum, eigene Grenzen zu erproben, tatsächlich die Tiefe eines Themas, der Tabus und der möglichen Veränderung auszuloten oder soll ein Gegner bloßgestellt werden, statt ihn als Ansprechpartner in den → Dialog zu holen?
unsichtbares_theater.1585675627.txt.gz · Zuletzt geändert: 2020/03/31 19:27 von fritz